Die BürgerStiftung schafft neue Perspektiven. Für morgen und darüber hinaus.

Mitteilungen

07.08.2016
"Stolpersteine" erinnern an Bruchsaler Opfer des Naziterrors

Von: art

"Ihr habt einen Platz in unserer Mitte"

"Lieber Onkel Oskar, Du bist nicht vergessen. Du hast hier wieder einen Platz", sagte Doris Bornhäuser, die Nichte von Oskar Bornhäuser bei der Gedenkstunde für Bruchsaler Bürger, die in der Nazizeit getötet oder vertrieben wurden, weil sie Juden waren oder ihr Leben als "unwert" galt. Oskar Bornhäuser war Lehrer. Die Familie lebte in der Bruchsaler Gutleutstraße neben der heutigen Fürst-Stirum-Klinik. "Schmerzhaft war für Dich, dass Du Deine Ideale nicht umsetzen konntest und Du aus dem Schuldienst entlassen wurdest", fuhr Doris Bornhäuser in ihrer Gedenkrede fort.

 

"Fortverlegung" und "Trostbrief"

 

Bornhäuser kam nach Wiesloch in die "Heil- und Pflegeanstalt". Von dort erfolgte die "Fortverlegung" und ein "Trostbrief" an die Mutter. "Hat sie etwas geahnt?" fragt Doris Bornhäuser. Viele Fragen blieben offen oder wurden totgeschwiegen in der Familie. Oskar Bornhäuser war eines elf Einzelschicksale, die Schüler des Justus-Knecht-Gymnasiums recherchierten und neu ins Bewusstsein riefen. Eines der Schicksale, für die jetzt "Stolpersteine" im Pflaster vor den Häusern glänzen.

 

Privates Engagement brachte das Projekt "Stolpersteine" auf den Weg

 

Es war die zweite Gedenk- und Verlegeaktion nach dem 19. April 2015, bei der damals der Künstler Günther Demnig zehn "Stolpersteine" verlegte. Hartnäckige Anträge der Stadträtin Helga Langrock, das Engagement des Publizisten Rolf Schmitt und von Kulturamtsleiter Thomas Adam sowie die Initiative der Bruchsaler Bürgerstiftung, für die Vorstandsmitglied Dr. Jörg Friedmann intensiv plädiert und argumentiert hat, dass die Stolpersteine verlegt werden sollen, haben dazu beigetragen, das Projekt im vergangenen Jahr tatsächlich auf den Weg zu bringen. Weiterhin hat die Bürgerstiftung die Spendenverwaltung übernommen und zusätzlich zehn Steine bezahlt, die pro Stück 120 Euro kosten.

Auch diesmal nahmen wieder zahlreiche Angehörige der Betroffenen an dem Rundgang teil. Sie waren bis aus Frankreich und den USA nach Bruchsal gekommen.

Der Weg führte von der Fürst- Stirum-Klinik, wo die Gedenkveranstaltung stattfand, durch die Gutleutstraße, zur Styrumstraße, Friedrichstraße, Kaiserstraße bis zur Bahnhofstraße am Europaplatz. Unter Anleitung von Florian Jung, Lehrer am Justus-Knecht-Gymnasium (JKG), hatten Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse die Lebensumstände und die Leidensgeschichte der Menschen erforscht, an die mit einem "Stolperstein" erinnert wird.

 

JKG-Schüler recherchierten Lebens- und Leidensgeschichten

 

Aus der Recherche entstand eine Broschüre, die diese Menschen vorstellt und die bewegenden Worte der Angehörigen wiedergibt aus der Gedenkstunde. Den Druck und die kostenlose Abgabe der Broschüre ermöglichte die Bürgerstiftung.

"Für die Schüler war es eine außergewöhnliche Möglichkeit, Vergangenes mit der Gegenwart zu verknüpfen", sagte Florian Jung. "Sie konnten Geschichte begreifen und nachempfinden an Hand der Fakten, die sie selbst herausgefunden hatten in Büchern, Chroniken, Archiven und Interviews." Besonders eindrücklich seien die persönlichen Begegnungen gewesen, sagten die Schüler - etwas das wohl stets im Gedächtnis bleiben wird und Frucht bringt - gegen Hass und Hetze.

Gilbert Bürk, Vorstand der Bürgerstiftung, dankte den Schülerinnen und Schülern des JKG mit ihrem Lehrer Florian Jung ausdrücklich für ihre Arbeit. "Vorbereitung und Ausführung waren erstklassig", sagte Bürk. "Das JKG hat mit diesem Team einen wertvollen Beitrag zur Versöhnung geleistet. Er ist von unschätzbarem Wert für unsere Geschichte und die betroffenen Menschen."

 

Eine besondere Auseinandersetzung mit der Geschichte

 

Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick dankte allen Beteiligten für ihr Engagement, das zu der erneuten Stolperstein-Verlegung geführt hat. Auch die heutigen Hausbesitzer nahmen die Verlegung nicht nur zustimmend zur Kenntnis, sondern interessierten sich selbst für die früheren Bewohner und die Geschichte ihres Hauses - "Eine besondere Form der Auseinandersetzung mit den Geschehnissen in einer dunklen deutschen Zeit", sagte die Oberbürgermeisterin.

 

 

© BürgerStiftung Bruchsal